Tinnitus: Ohrengeräusch als Autonomiesignal (Teil 1) aus der Coachingpraxis

Aus der Coaching-Praxis:

„Schon wieder dieses Pfeifen! Das habe ich nun, und es wird immer schlimmer. Warum muss ich nur immer dieses dumme Pfeifen haben? Was soll das? Verschwinde!“ Heute wird sich Frau Müller(*) ihres Ohrenpfeifens erstmals um 9.00 h gewahr. Sie erschrickt, bleibt für den Rest des Tages schlecht gelaunt und macht auf Einzelgängerin. Ihre Arbeitsleistung ist entsprechend schlecht, und sie wird zunehmend wütend über sich selbst:

Bei vielen Menschen nimmt das innere Geräusch ständig zu und wird immer unerträglicher, während es bei anderen auf merkwürdige Art irgendwie in den Hintergrund abtaucht. Frau Müller hatte Glück, denn sie konnte innerhalb von wenigen Wochen ihre normale Lebens- und Arbeitsqualität wieder herstellen.

Wie gelang ihr das, wo andere scheitern? Frau Müllers firmeninterne Personalberaterin instruierte, den Tinnitus vollumfänglich medizinisch abzuklären. Dann wies man sie auf die Möglichkeit der Bearbeitung des Ohrgeräusches hin. Unterstützt vom Lebenspartner hatte sie eine Coaching-Offerte wahrgenommen und einiges in ihrem Leben umgestellt. Sie hat gelernt, „dass man Pflanzen oft giessen muss, will man verhindern, dass sie verdorren.“ War sie vorher von Selbstzweifeln geplagt, weil die unrealistische Forderung „alle Faktoren zu berücksichtigen“ im Beruf wie auch in der Familie einfach unerfüllbar blieb, überprüft sie jetzt präzise die aufgelisteten Schwachstellen ihrer Projekte. Sie sorgt bei aller Hingabe für die Arbeit auch für sich selbst. Früher konnte es etwa geschehen, dass sie vom Morgen bis am Abend keinen Bissen zu sich nahm. Heute achtet sie auf ihre Körperbedürfnisse und gönnt sich mittags einen Imbiss. Merkwürdigerweise ist damit auch das Ohrgeräusch nicht mehr so wichtig.

Leider haben nicht alle Angestellten das Glück von Frau Müller. Ohne Hilfe durch seine Personalverantwortliche musste sich ein 35-jähriger Banker mit dem Geräusch und „der Tatsache einer sinkenden Lebens- und Arbeitsqualität“ abfinden.

Was ist Tinnitus überhaupt?

Wenn es klingelt, pfeift, brummt, rauscht oder ständig zischt im Ohr und es keine erkennbare Ursache dafür gibt, und wenn solche Geräusche im Kopf andauern und unangenehm sind, könnte es sich um einen Tinnitus handeln. Über 500 000 Menschen sind in der Schweiz vom Ohrengeräusch Tinnitus betroffen, davon 70 000 schwer. Wirtschaftlich relevant ist der Tinnitus wegen der Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit und Sozialkompetenz. Auffallend häufig ist Tinnitus bei Menschen, die eine tatsächliche Lärmbelastung mit angespannter Aufmerksamkeit verbinden, z.B. die Arbeit in Grossraumbüros oder Callcenters. Auch Lehrer, Musiker, Physiker in Kernkraftwerken, Manager und andere Dienstleister sind negativer Wahrnehmung des Eigengeräusches besonders ausgesetzt. Depressive Störungen mit Freudlosigkeit, Interessenverlust, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Antriebsminderung und sozialer Rückzug können die Folge sein. Die Schutzreaktionen auf den Tinnitus, d.h. die vom Gehirn geschaffenen Reaktionen auf das Geräusch sind ein weiteres Problem. Meist begleiten den Tinnitus Selbstbeschuldigungen, Wut, Hass auf sich selbst. Rund 1% der Tinnitusbetroffenen zieht sich vollständig zurück. Sie leben dann nicht mehr mit, sondern im Tinnitus.

Entstehung des Tinnitus

Manchmal entsteht Tinnitus durch äussere Einwirkung, einen Schuss, Schrei, laute Musik, oft jedoch wenn sich im sozialen Umfeld etwas stark ändert, etwa wenn ein neuer Chef eingesetzt wird, oder die Lebenspartnerin schwer erkrankt. Für einen Ehemann nahm der Tinnitus den Anfang, als sein Frau ihn verliess. Auch Konflikte am Arbeitsplatz und Mobbing spielen hier mit. Etwa die Versetzung in eine andere Abteilung, wo die Rolle noch ungeklärt ist und von Vorgesetzten nicht definiert wurde. Oder endlose Sitzungen, während denen immer das Gleiche lautstark besprochen wird, aber keine Chance besteht etwas zu verändern. Unklarheit und Unsicherheit in Beruf oder im Privaten können Tinnitus verursachen. Dieser kann zu Geräuschüberempflindlichkeit bis hin zu schweren Schlaf- bzw. Einschlafstörungen und Depressionen führen. Selbst wenn das Geräusch im Ohr aufhört, läuft der zentrale Regelkreis weiter. Man spricht daher von „zentralisiertem Tinnitus“, der dem Phantomschmerz von amputierten Gliedmassen gleicht.

Was kann man tun, um sich mit dem Tinnitus zu versöhnen? Wie kann ich den Stress umwandeln in ein Frühwarnsystem? Wie kann ich aus ‚rotem Lärm‘ ‚weisses Rauschen‘ machen?

Der Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen gehen die folgenden Artikel zu diesem Thema nach. Der nächste beschreibt genau, was man tun soll/kann im Fall von Tinnitus, die weiteren beleuchten einzelne Behandlungsmethoden.

Ihr Claude Ribaux

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(*) Name geändert.