Sich Respekt verschaffen: Wie verhindern, dass die Affen den Zoo regieren?

Was mache ich, wenn mein Anwalt scheinbar die Gegenseite unterstützt und dabei jeden Tag teurer wird? Wie verhalte ich mich, wenn sich bei mir als Trainer plötzlich ein Teilnehmer als selbsternannter Haupttrainer aufführt? Welche Haltung hilft mir, mich durchzusetzen?

“Ich lasse die Affen doch nicht den Zoo regieren.” Das war die Reaktion von F.Bormann, eines Chefs der Eastern Airlines, als er Mitte der 1980er Jahre aufgefordert wurde, die Arbeiter mehr in die Entscheidungsfindung des Konzern einzubeziehen. Heute hat sich das genau ins Gegenteil gedreht. Die früher menschenverachtende Haltung den Angestellten gegenüber wurde abgelöst von der Idee des völlig demokratischen, hierarchielosen, hochinnovativen und flexiblen Betriebs (1). Alle bestimmen mit bei allen Entscheidungen und sind nach diesem Modell aus dem Inneren heraus motiviert, für den Betrieb alles zu geben. Alle sind nett zueinander, und immer gleicher Meinung. Es existiert nichts Schlimmeres als Konflikte, die es glücklicherweise nicht gibt.

Eine paradiesische Vorstellung, die leider nur am Menschen scheitert. Denn nach wie vor gibt es Machtverhältniss, die durch die ‘Alles ist gleich-Haltung’ nur verwischt werden. Dadurch entsteht Verwirrung.

Wenn ich meinem Anwalt gegenüber keine klare Haltung einnehme und ihn nicht als Serviceleister für meine Bedürfnisse sehe, oder wenn meine Ärztin über ihre Probleme mit ihrem Sohn spricht, statt mit der Untersuchung voran zu machen, verwischen sich die Rollengrenzen in den Verhältnissen der Menschen zueinander.

Oft wird argumentiert, man sollte vor allem authentisch, ehrlich, offen sein! Doch: Möchte sich wirklich jemand von einem Arzt behandeln lassen, der ganz ehrlich und offen über seine privaten Probleme erzählt, seine authentischen Gefühle zeigt, etwa dass er heute gar kein Interesse an einer Krankengeschichte hat? Möchte jemand eine Führungskraft haben, die morgens ihren authentischen Ärger mit ihrem pubertierenden Sohn serviert oder ganz offen und ehrlich die Meinung sagt? Wir wünschen professionelle MitarbeiterInnen, die in ihrer Rolle klar sind,  die berechenbar sind.  Einforderbares und berechenbares Rollenverhalten ist ein guter Schutz gegen Willkür und Verletzungen. Wenn wir in Organisationen oder in unserem sozialen Umfeld Vertrauen aufbauen wollen, dann sind klar definierte und vereinbarte Rollen der beste Weg dazu. Vertrauen reduziert Komplexität, weil es die Erwartungen an das künftige Verhalten anderer beschreibt. Rollen schaffen damit Vertrauen, Sicherheit und Berechenbarkeit. Sie sind für Menschen und Organisationen lebensnotwendig.

In meinen Coachings geht es oft darum, diese Verhältnisse zu klären. Das heisst, seine eigenen Interessen erkennen und durchsetzen.

Es geht also in erster Linie darum, für sich selbst die Rolle des Arztes, Anwalts, Handwerkers, Architekten zu klären. Dabei ist v.a. festzustellen, ob ein Dienstleister hauptsächlich als Dienstleister operiert, oder ob ein Kursteilnehmer sich wie ein Kursteilnehmer benimmt. Falls es zu Verletzungen dieser Grund-Rollen kommt, entsteht Verwirrung. Stellen Sie die richtigen Verhältnisse wieder her.

Viel Vergnügen bei der Vereinfachung Ihres Lebens wünscht Ihnen

Claude André Ribaux

Quellen: (1) Kühl, Stefan: Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a.M.1995.